Citywire Gastkommentar "Die aktuelle Lage für die ESG-Welt ist bipolar"

28.04.2022

Trotz kurzzeitiger Schwächephasen können ESG-Fonds steigende Renditen bieten. Anleger sollten darauf setzen, dass die Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor weiter das beste Argument liefert. Die zwischenzeitliche Abwanderung von Geldern ist ein Intermezzo.

Die politische Situation und absehbare fossile Energieverknappung und -verteuerung werden Wirtschaftsakteuren, die nachhaltig operieren, einen noch größeren Vorteil verschaffen, erklärt Daniel Feix, Geschäftsführer und Head of Portfolio Management von I-AM Impact Asset Management.

Die aktuelle Lage ist für die ESG-Welt bipolar

Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat schonungslos vor Augen geführt, wie stark die heimische Wirtschaft weiterhin von fossilen Energieträgern wie Öl und Gas abhängig ist. Die stark gestiegenen Öl- und Gaspreise lassen vor allem energieintensive Branchen ächzen und können – sollte sich der Preistrend nach oben fortsetzen – existenzgefährdend werden. Ganz zu schweigen von den höheren Kosten für die Endverbraucher, die sich wiederum negativ auf das Konsumverhalten auswirken.

Der Krieg, Versorgungsengpässe und der Preisschock sind nun ganz real bei uns angekommen. Die Abhängigkeit von knapper werdenden Energiereserven ist von großer geopolitischer Relevanz. Klimarettung, Energieautarkie und demokratische Grundfreiheit verdichten sich zunehmend zu einem Themenblock. Ein noch schnellerer Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung wird zu einem entscheidenden Faktor, um weiter politisch selbstständig agieren zu können und nicht erpressbar zu sein – oder zu bleiben.

Annus horribilis für ESG-Fonds

Die aktuelle geopolitische Lage hat zu einer „bipolaren Situation“ an den Märkten geführt: aufgrund der positiven Preisdynamik bei Rohstoffen ist die Anlage in Fonds mit Fokus auf fossile Energieträger extrem lukrativ geworden. So hat der Bloomberg Commodity Index seit Jahresbeginn um 25% zugelegt. Der Preis von Brent-Öl ist in diesem Jahr um rd. 42% angestiegen, der von WTI-Öl um rd. 40% (Stand 30.3.22). Der Erdgas-Preis hat year-to-date um 44,15%t zugelegt (Stand 30.03.2022). Für viele nachhaltige Fonds ist dieses Jahr dagegen bisher eher ein „Annus horribilis“.

Auf der Suche nach der höchsten Rendite zogen viele Anleger ihre Gelder aus ESG-Fonds. Der MSCI World ESG Screened-Index beispielsweise, der kontroverse Branchen wie die Kohle-, Nuklear- oder Waffenindustrie ausschließt, hat seit Jahresbeginn um rund 4% an Wert verloren. Der strengere MSCI ESG Leaders Index hat seit Jahresbeginn sogar um 8,84% an Wert eingebüßt.

Diese Entwicklung mag viele nachhaltig orientierte Anleger missmutig stimmen. Doch die aktuelle Lage dürfte sich mittel- und langfristig als Katalysator für eine nachhaltige Entwicklung der Wirtschaft auf Basis „sauberer“ Energien und ausgereifter Technologien entwickeln.

Schon jetzt, in den ersten Wochen des Ukrainekriegs, hat die Europäische Union das Ziel ausgerufen, bis 2027 komplett von russischem Öl und Gas unabhängig zu werden.

Neben einer Diversifizierung der Öl- und Gas-Lieferanten strebt die EU einen höheren Anteil von Wasserstoff und einen Ausbau erneuerbarer Energien in Industrie, der Stromversorgung sowie bei Gebäuden an. Leider wurde auch die temporäre Energieversorgung über Kohle und Atomkraft schon ins Spiel gebracht. So hat beispielsweise Belgien vor kurzem verkündet, den geplanten Atomausstieg im Jahr 2025 um 10 Jahre zu verschieben, um drohenden Energie-Versorgungsengpässen vorzubeugen.

Ziel der Klimaneutralität zeichnet Weg vor

Energiepolitik ist im realen geopolitischen Powerplay angekommen. Das hat zur Folge, dass wir nun am kurzen Ende über das Festhalten an stetig teurer werdenden fossilen Energieträgern und der eigentlich abgeschriebenen Atomkraft diskutieren. Das hehre Ziel, mit dem European Green Deal die EU zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt zu machen, wird dadurch konterkariert. Doch dabei wissen wir, dass wir nicht darum herumkommen, mehr in Sachen erneuerbare Energie, Energieeffizienz und nachhaltiges Wirtschaften zu tun und das auch noch viel schneller.

Die aktuelle brisante politische Situation und absehbare fossile Energieverknappung und -verteuerung werden Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften, einen noch größeren Wettbewerbsvorteil verschaffen. So werden Unternehmen, die energieeffiziente Technologien einsetzen, einen ESG-Vorteil haben. Gleichzeitig werden Sektoren mit einer hohen Abhängigkeit von fossilen Energien einen deutlichen Malus spüren.

Die Bedeutung von Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor dürfte demnach in den nächsten Jahren noch weiter steigen, wenn nicht sogar existenzbestimmend werden.

Ja, Investoren können in der aktuellen Lage vielleicht an den steigenden Energiepreisen der fossilen Energieträger partizipieren.

Das ändert aber nichts an der sich weiter beschleunigenden Notwendigkeit für einen umfänglichen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit. Unternehmen, die Umweltrisiken ausgesetzt sind und diese erhöhen, soziale Standards missachten und über eine kurzsichtige Unternehmensführung verfügen, werden zukünftig in zunehmendem Maß von Investoren, Kunden und Geschäftspartnern kritisch betrachtet und durch Ausschluss abgestraft werden.

Unternehmen hingegen, die Lösungen für die dringenden Herausforderungen unserer Zeit, wie sie in den 17 UN Sustainable Development Goals definiert sind, anbieten, werden langfristig profitieren und sind für die Zukunft gut aufgestellt. Dies wird sich auch durch steigende Renditen bei ESG-Fonds ausdrücken.

I-AM Impact Asset Management wurde im Jahr 2006 als Absolute Portfolio Management GmbH gegründet. Das Unternehmen ist seit 2012 Teil der C-Quadrat Investment Group. I-AM Impact Asset Management versteht sich als „Triple-Bottom-Line“ Asset Manager, der finanzielle Erträge mit sozialer und ökologischer Wirkung anstrebt.

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